Alle Artikel von Leo Ferraro

Über Leo Ferraro

Die gute Geschichte gewinnt immer. Ich finde und erzähle sie - seit 20 Jahren. Jetzt nur amb. apokalyptischen in den Jungferninseln GB interessiert. Von Beruf Journalist und Redaktor, führe ich auf dem Mutschellen im Aargau die Hobbykatzenzucht Chatzalp. In diesem Blog gibt es neben Alltagserlebnissen der Chatzalp Gang viel unnützes Wissen aus der Kulturgeschichte der Hauskatze, der wahren Krone der Schöpfung..

Folge 11: Music is a Doktor!

Diesen Tag vergesse ich nicht so schnell. Es ist Wochenende und ich habe sturmfrei. Der schweigsame Zimmer-Kumpel ist nicht da. Ich kann mich zwar oberhalb des Bauchnabels kaum bewegen, aber ich fühle mich sauwohl. Es gab sogar ein Gipfeli – weil Wochenende.

Im Handgepäck aus dem Flugi finde ich meine JBL Bluetooth Böxli. Die sind ziemlich leistungsstark. Und auf dem iFon, meinem inzwischen hoch verehrten digitalen Hirn (DH), habe ich immer ein paar GB guten Sound dabei. Für den Notfall.

Wann wenn nicht jetzt? – Es folgt ein beschwingter Nachmittag mit viel guter und lauter Musik, so übermütig, dass ich mich damals sogar via FB bei der Playlist bedankte. Alles altes melancholisches Zeug, aber an diesem Tag genau richtig.

 

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Irgendwann kommt die Praktikantin ins Zimmer, eine junge Französin. Ausnehmend sympathisch. Die wunderbare Shemekia Copeland singt grad «Rivers Invitation», die Pflegerin tänzelt zweimal um die eigene Achse und wir grinsen uns vermutlich ziemlich blöd an. Ein Moment für die Ewigkeit…

Aber hey! Made my day!

 

Inzwischen hat die Arbeit begonnen. Physiotherapie- und Ergotherapie, und vieles mehr.  Ich muss die Arme bewegen, soviel es geht. Und ich muss mit meinen Händen ehemals einfache Dinge neu üben – einen Kugelschreiber führen, ein Handtuch falten, so Sachen halt. Aber davon später mehr.

Nächste Folge:
bald

Folge 10: Eine neue Freundin – Die Zeit

9. April 2016, Rehab Basel

Gang
Zum Rauchen muss ich nur den Gang überqueren. Das tue ich zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Eine echte Tagesstruktur habe ich noch nicht, aber ich arbeite dran. Vorerst dreht das Gehirn im dunkelroten Bereich. Da geht wesentlich mehr ab, als ein zerbeulter Kopf verarbeiten kann.

Ein Beispiel, wie sich wichtige Eckwerte im Leben ganz schnell grundsätzlich verändern können. Nehmen wir die Zeit. Oder besser: Die Zeitachse, auf der wir uns bewegen. Zweifellos ein Grundpfeiler unserer Existenz.

Bisher war die Zeit mein Lebensmotor. Als Reporter und Journalist prägte die Deadline – der Redaktionsschluss – während 30 Jahren meinen Lebensrythmus, meinen Alltag. Die Zeit drängt, sie hetzt, sie spornt an, sie entscheidet oft über Erfolg oder Misserfolg, sie ist eine gnadenlose Treiberin. Und ja, sie ist verantwortlich für jeden Stress und jede Extraanstrengung, die mir der Alltag abverlangte. Ich habe sie oft zum Teufel gewünscht, diese verfluchte Zeit. Immer wenn ich sie am meisten brauchte, war sie nicht da.

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Zauberstühle: Das sind übrigens die Sitzgelegenheiten, von denen ich in Folge 9 geschwärmt habe. Nur hier kann ich bequem verweilen.

Und jetzt? Plötzlich wird die gleiche Zeit zur engsten Verbündeten. Mehr noch: Zu einer intimen Freundin. Sie ist immer da, im Überfluss. Sie heilt. Was ich bis jetzt verstanden habe: Wenn du dich hier drin mit der Zeit anfreundest, wird es dir besser gehen. Der Grund: Die Zeit wird eins und vereinigt sich mit der Hoffnung. Zeit=Hoffnung=Zeit=Hoffnung.

Wir bemühen uns beide – die Zeit ähm die Hoffnung und ich. Und wir werden überraschend schnell zu besten Freunden.

Jetzt bin ich bereit für meinen neuen Alltag.

Nächste Folge:
14. April: Mit 50 lernen den eigenen Namen zu schreiben

Folge 9: Woher kommt diese Freiheit?

7. April 2016, Rehab Basel, Fachklinik für Paraplegiologie und Neurorehabilitation

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Fürs Victory-Zeichen reicht die Kraft noch nicht: Aber für Daumen hoch – trotz diesem verfluchten Kragen. Foto: Stella

Hier liege ich jetzt also. Bis auf weiteres. Die Rehab wird mir später noch sehr ans Herz wachsen. Aus Gründen. Jetzt liege ich einfach da. Sie lassen mich mehr oder weniger in den Tag hinein leben. Ich glaube, mein Körper braucht nur Ruhe. Sehr viel Ruhe.

Der Kragen ist unsäglich. Er drückt ständig auf die Kieferknochen und das ganz dumme: Er verhindert jegliche entspannte Körperhaltung. Insbesondere auf dem Rücken liegen geht auf Dauer nicht. Schön blöd.

Langsam gewöhne ich mich an alles. Die Menschen sind nett und ich fühle mich so seltsam frei. Jawohl, frei! Noch nie fühlte ich eine derart ausgeprägte Freiheit. Vielleicht die Freiheit, keine Entscheidungen treffen zu müssen? Die Freiheit, einfach zu sein? Ich muss ja nicht mal entscheiden, die Zähne zu putzen. Weil ich es gar nicht kann.

Ich gehe vom Bett zum Raucher und wieder zurück. Den ganzen Tag lang. Dann endlich finde ich einen bequemen Sessel. Ich nenne ihn ab sofort «Zauberstuhl», denn ich werde sehr, sehr viele Stunden darin verbringen. Eigentlich sind es Designer-Sessel der Stararchitekten Herzog & DeMeuron, für Patienten völlig ungeeignet, weil viel zu tief. Für meinen gebrochenen Hals sind sie aber perfekt.

Den Kragen darf ich nur nachts gegen einen weicheren austauschen. Aber nicht mal hier kann ich bescheissen, weil ich den Kragen nicht selber wechseln kann. Mit der linken Hand schaffe ich es gerade mal ans Kinn. Der rechte Arm hängt da, wie ein Sack. Ich kann nicht mal eine Flasche Mineralwasser öffnen. Geschweige denn ein Schnitzel zerschneiden, duschen oder …. den Arsch abwischen.

So kam es, dass ich die ersten etwa 10 Tage nichts ass. Fast nichts. Also nichts Festes. Weil ich nicht. Also sie wissen schon…? Das war einerseits dumm von mir. Ich verlor seit dem Unfall 15 Kilo. Andererseits werden wir wegen dieser kleinen Anekdote noch viel zu lachen haben.

Langsam begreife ich vier Dinge:
1. Ich werde sehr bald mit dem Training von Händen und Armen beginnen müssen. «Was bis in einem Jahr nicht heilt, wird bleiben», sagt die Ärztin. Inkomplette Tetraplegie  funktioniert nach dem Motto: «Move it or lose it» – Bewegen oder verlieren.

  1. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann ich problemlos schlafen. Immer. Sobald ich mich hinlege, schlafe ich ein. Mehrmals pro Tag, manchmal sogar im Sitzen. «Hirnschäden können zwei Jahre lang verheilen. Dann bleiben Funktionsstörungen zurück», erklärt die Neurologin.

  2. Meine Rehabilitation hat noch gar nicht begonnen, ich stehe erst am Anfang. Mein Leben erfährt eine wohltuende Entschleunigung. Ich fühle mich frei und mir ist wohl. Jedenfalls im Zauberstuhl

  3. Und ich begreife das hier:

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Nächste Folge:
9. April: Eine neue Freundin – Die Zeit

Folge 8: Rehab Basel – Mein neues Zuhause

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Zur Ruhe kommen und alltägliche Dinge wieder lernen: Es beginnen die langen Monate der Rehabilitation in der Rehab Basel.

Im Laufe des Nachmittags werde ich in Basel angeliefert. Liegend, mit den Beinen voran, schieben sie mich durch die Gänge. Mein roter Rücksack, mein Handgepäck aus dem Flieger, liegt neben mir auf der Bahre. Ich halte ihn so fest ich kann. Es ist im Moment alles was ich habe.

Erstmals denke ich an Chatzalp und meine 8 Katzen. Ich war schon fast drei Monate nicht mehr Zuhause. Mein Neffe Janis schaut zu Haus und Garten. Er tut das bestimmt gut.

Und meine Glückswelle geht weiter. Ich werde direkt neben dem Raucherraum in einem Zweierzimmer untergebracht. Mein Nachbar ist ein junger Paraplegiker aus dem Kanton Freiburg. Er redet während Tagen kein Wort.

Ich sehe erstmals meine Ärztin Dr. Stéphanie Garlepp. Auf meine Frage, wie lange ich den hier bleiben werde meint sie in ihrer unnachahmlich fröhlichen Art: „Sie werden den Sommer mit uns verbringen, Herr Ferraro. Mindestens». Oha, das könnte also dauern.

Mein Hals und meine Brust sind immer noch fixiert. Ich bekomme einen neuen Halskragen, den ich jetzt drei Monate tragen muss. DREI MONATE! Die Bewegungsfreiheit ist Null, auf dem Rücken liegen fast unmöglich. Es ist schwer sich an das Scheissding zu gewöhnen. Wir stehen vom ersten Tag an auf Kriegsfuss.

Die Station vier ist wie eine WG organisiert. Irgendwann trete ich zum ersten Mal an den gedeckten Essenstisch. «Welches ist mein Platz?», frage ich und bekomme lachend zur Antwort, «nehmen Sie einen mit Stuhl». Ich blicke auf und sehe erste jetzt: Es hat zwölf Gedecke und nur zwei Stühle. Alle anderen kommen geholpert, werden gestossen oder begeben sich sonst mit Räder aller Art zu Tische. Es wird nicht viel geredet bei Tisch. Viele haben Schmerzen.

Mir wird vom ersten Tag klar: Ich gehöre hier zu den Privilegierten. Meine ersten Ziele der Physiotherapie ergeben sich schon am Tisch: Die rechte Hand zum Mund führen, ohne Röhrchen trinken, ohne Hilfe Fleisch zerschneiden. Ich werde auch wieder lernen müssen, einen Kugelschreiber zu führen, die Schuhe zu binden und ein Hemd anzuziehen.

Das alles wird dauern. Und dann wird es eine ganze Menge Sachen geben, die ich nie mehr werde tun können. Davon ahne ich jetzt noch nichts. Ich warte noch immer bis das Gefühl in die Arme zurück kommt und ich wieder spüre, was ich anfasse.

Aber ich spüre sofort: Hier werde ich gute Monate verbringen. Es sollte schliesslich auch so kommen.

Nächste Folge:
9. April: Eine neue Freundin – Die Zeit

Folge 7: So fühlt sich der Tod an

1. April 2016, Kantonsspital Baden

17. März 1.35pm
Ohne Licht, ohne Ton, ohne Grenze, ohne Schmerz, ohne nichts: Der Tod begegnete mir am 17. März 2016.

Langsam finde ich mich auf der Raum-Zeit-Achse wieder zurecht. Ich weiss, wer ich bin, wo ich bin. Und ich weiss, dass ein paar Sachen im Körper kaputt sind. Aber wichtiger als alles andere erschient mir in diesem Moment etwas anderes: Mir wird bewusst, dass eine sehr spannende Begegnung hinter mir liegt. Ich habe den Tod gesehen!

Es folgen die ersten zusammenhängenden Gedanken seit langem. #13down – Leser*Innen wissen es längst: Passiert ist es auf einem winzigen Korallenatoll in der Karibik, ein Unfall mit dem Scooter. Erinnern kann ich mich nicht. Auch nicht daran, wer mich gefunden und auf die Nachbarinsel ins Spital geflogen hat.

Dort bin ich drei Tage später erwacht. Die Zeit zwischen Unfall und Spital war nicht unangenehm. Im Gegenteil. Da war einfach ein wohliges nichts. Jetzt kann ich versuchen «es» zu beschreiben.

Es war kein Nahtod-Erlebnis, glaube ich. Es gab keinen Tunnel, kein Licht, keine Stimmen von weit her, kein Leben, das an meinem geistigen Auge vorbeizieht. Und auch sonst nichts Spirituelles. Die Sache ist viel einfacher: Zack, es wird dunkel, Schluss, aus. Ohne Ankündigung, ohne Zeit über irgend etwas nachzudenken, ohne Schmerz. “Fliegenklatsche” nenne ich seither diesen, meinen Wunschtod.

Erst in der Schweiz entdeckten die Ärzte, dass ich Hals und Rücken gebrochen hatte, dazu kamen blutende Risse im Gehirn. Das Rückenmark ist verletzt, aber nicht durchtrennt. Ich bin zwar Tetraplegiker, kann aber alle Glieder bewegen. Da ging es um Zehntelsmilimeter. Ich hatte unendlich viel Glück.

Seit diesem Erlebnis schreckt mich der Tod nicht mehr.

Es ist nicht das einzige in meinem Leben, das sich seit dem Unfall positiv verändert hat. Ich bin entspannter, ruhiger, gelassener geworden. Dazu dankbarer und demütiger. Das Leben hat viel Hektik verloren und Bewusstsein gewonnen. Diese Lebensqualität lasse ich mir nicht mehr nehmen.

Der Tod ist seither so etwas wie ein alter Bekannter. Kein Feind, nein, nein, eher ein treuer Wegbegleiter. Oder was gibt es anderes, das dem Menschen so sicher, so eigen ist, dass es ihm keine Macht der Welt wegnehmen kann?

Geld, Reichtum, Ansehen, Wohlstand, Glück, den Stolz, die Würde, ja selbst das Leben an sich. Das alles können wir jederzeit ganz schnell verlieren. Nicht aber den Tod. Der ist uns so sicher wie das Amen und das Opferkässeli in der Kirche, der ist schon da! Ich habe mich entschieden den Tod zu akzeptieren und Teil meines Lebens sein zu lassen.

In diesem Sinne möge euch der gute alte Ludwig Hirsch ebenso berühren, wie er das bei mir seit Jahren immer wieder tut. Kein Künstler kommt dem näher, was ich zu sehen geglaubt habe. Der Tag wird kommen. Und er wird wunderbar sein….

Nächste Folge:
4. April: Rehab Basel – Mein neues Zuhause für den Sommer