Folge 7: So fühlt sich der Tod an

1. April 2016, Kantonsspital Baden

17. März 1.35pm
Ohne Licht, ohne Ton, ohne Grenze, ohne Schmerz, ohne nichts: Der Tod begegnete mir am 17. März 2016.

Langsam finde ich mich auf der Raum-Zeit-Achse wieder zurecht. Ich weiss, wer ich bin, wo ich bin. Und ich weiss, dass ein paar Sachen im Körper kaputt sind. Aber wichtiger als alles andere erschient mir in diesem Moment etwas anderes: Mir wird bewusst, dass eine sehr spannende Begegnung hinter mir liegt. Ich habe den Tod gesehen!

Es folgen die ersten zusammenhängenden Gedanken seit langem. #13down – Leser*Innen wissen es längst: Passiert ist es auf einem winzigen Korallenatoll in der Karibik, ein Unfall mit dem Scooter. Erinnern kann ich mich nicht. Auch nicht daran, wer mich gefunden und auf die Nachbarinsel ins Spital geflogen hat.

Dort bin ich drei Tage später erwacht. Die Zeit zwischen Unfall und Spital war nicht unangenehm. Im Gegenteil. Da war einfach ein wohliges nichts. Jetzt kann ich versuchen «es» zu beschreiben.

Es war kein Nahtod-Erlebnis, glaube ich. Es gab keinen Tunnel, kein Licht, keine Stimmen von weit her, kein Leben, das an meinem geistigen Auge vorbeizieht. Und auch sonst nichts Spirituelles. Die Sache ist viel einfacher: Zack, es wird dunkel, Schluss, aus. Ohne Ankündigung, ohne Zeit über irgend etwas nachzudenken, ohne Schmerz. “Fliegenklatsche” nenne ich seither diesen, meinen Wunschtod.

Erst in der Schweiz entdeckten die Ärzte, dass ich Hals und Rücken gebrochen hatte, dazu kamen blutende Risse im Gehirn. Das Rückenmark ist verletzt, aber nicht durchtrennt. Ich bin zwar Tetraplegiker, kann aber alle Glieder bewegen. Da ging es um Zehntelsmilimeter. Ich hatte unendlich viel Glück.

Seit diesem Erlebnis schreckt mich der Tod nicht mehr.

Es ist nicht das einzige in meinem Leben, das sich seit dem Unfall positiv verändert hat. Ich bin entspannter, ruhiger, gelassener geworden. Dazu dankbarer und demütiger. Das Leben hat viel Hektik verloren und Bewusstsein gewonnen. Diese Lebensqualität lasse ich mir nicht mehr nehmen.

Der Tod ist seither so etwas wie ein alter Bekannter. Kein Feind, nein, nein, eher ein treuer Wegbegleiter. Oder was gibt es anderes, das dem Menschen so sicher, so eigen ist, dass es ihm keine Macht der Welt wegnehmen kann?

Geld, Reichtum, Ansehen, Wohlstand, Glück, den Stolz, die Würde, ja selbst das Leben an sich. Das alles können wir jederzeit ganz schnell verlieren. Nicht aber den Tod. Der ist uns so sicher wie das Amen und das Opferkässeli in der Kirche, der ist schon da! Ich habe mich entschieden den Tod zu akzeptieren und Teil meines Lebens sein zu lassen.

In diesem Sinne möge euch der gute alte Ludwig Hirsch ebenso berühren, wie er das bei mir seit Jahren immer wieder tut. Kein Künstler kommt dem näher, was ich zu sehen geglaubt habe. Der Tag wird kommen. Und er wird wunderbar sein….

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