So fühlt sich der Tod an

Gut verschraubt: Unter der Narbe hält eine Titanstange die zerschmetterte Wirbelsäule zusammen.

 

Vor einem Jahr habe ich den Tod gesehen. Passiert ist es auf einem winzigen Korallenatoll in der Karibik, ein Unfall mit dem Scooter. Erinnern kann ich mich nicht. Auch nicht daran, wer mich gefunden und auf die Nachbarinsel ins Spital geflogen hat. Dort bin ich drei Tage später erwacht. Die Zeit zwischen Unfall und Spital war nicht unangenehm. Im Gegenteil. Da war einfach nichts.

Es war kein Nahtod-Erlebnis, glaube ich. Es gab keinen Tunnel, kein Licht, keine Stimmen von weit her, kein Leben, das an meinem geistigen Auge vorbeizieht. Und auch sonst nichts Spirituelles. Die Sache ist viel einfacher: Zack, es wird dunkel, Schluss, aus. Ohne Ankündigung, ohne Zeit über irgend etwas nachzudenken, ohne Schmerz. “Fliegenklatsche” nenne ich seither diesen, meinen Wunschtod.

Erst in der Schweiz entdeckten die Ärzte, dass ich Hals und Rücken gebrochen hatte, dazu kamen blutende Risse im Gehirn. Das Rückenmark ist verletzt, aber nicht durchtrennt. Ich bin zwar Tetraplegiker, kann aber alle Glieder bewegen. Da ging es um Zehntelsmilimeter, sagen die Ärzte. Ich hatte unendlich viel Glück.

Seit diesem Erlebnis schreckt mich der Tod nicht mehr. Es ist nicht das einzige in meinem Leben, das sich seit dem Unfall positiv verändert hat. Ich bin entspannter, ruhiger, gelassener geworden. Dazu dankbarer und demütiger. Das Leben hat viel Hektik verloren und Bewusstsein gewonnen. Diese Lebensqualität lasse ich mir nicht mehr nehmen.

Leo Ferraro, 50, Journalist Tamedia AG, Unfall am 17.3.2016 in Anegada (British Virgin Islands), REHAB Basel vom 4.4.2016 bis 29.9.16.

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